Blackout-Texte, nochmal anders

Vor Kurzem war ich bei der Jahrestagung des Segeberger Kreises. Das Thema dieses Jahr lautete: L…CKEN. Über das Verschwinden. Das war eine Steilvorlage für Blackout- oder Erasure-Texte. In einer kleinen, aber sehr feinen Gruppe von vier Frauen experimentierten wir vier Tage mit dieser Schreibform und waren sehr produktiv.

Drei Ergebnisse möchte ich mit euch teilen, jeweils eingescannt als Bild, weil die Anordnung der Wörter und die Gestaltung der Lücken mindestens so wichtig sind wie die verbliebenen Wörter selbst.

mit einzelnen Wörtern
In der Nacht verschwinden
die Schemen
tauschen gleichsam
gebrochen
Wenn sich Stimmen verlieren

Dieser Text – aus weißem Papier – in Buchstabenform – auf dem Weg – im luftleeren Raum – Material – Ein Rohstoff – etwas –

auf einem Sofa – Runzeln an der Stirn – ein Baumwollkleid und eine Halskette mit einem großen runden Stein – tiefblau ein See – ein Sektglas mit einem orange farbenen Getränk – – – – – ein weißbekappter Kopf – Fluß – ein Fuß tritt gleich auf

Das erste ist die von uns allen unterschiedlich ausgestrichene und gestaltete Seite 41 des Segeberger Briefes No. 106, der zur Vorbereitung dieser Jahrestagung diente. Zwei und drei sind von mir geschriebene Texte. Bild zwei in einer „Fertigungsstraße“ von meinen Gruppenkolleginnen mit verschiedenen Techniken ausgestrichen, bevor ich die Endbearbeitung machte. Beispiel drei ist biografisch geschrieben zum Thema „Bilder, die verschwinden werden“ und in drei Schritten von mir selbst bearbeitet. Ich finde es faszinierend, wie aus vorgefundenen Texten oder spontan selbst verfassten durch das Streichen, Radieren, Schwärzen, Ausixen, Gestalten irgendwann sehr verdichtete Texte aufpoppen.

eingedampft oder ausgestrichen

Unter der Überschrift „Eingedampftes“ habe ich im Schreibtraumblog ein Haiku eingestellt, das ich aus einem Gedicht von Friedericke Mayröcker geschrieben habe. Im Grunde war das auch Erasure-Poesie, weil ich nichts an dem Wortmaterial verändert und die Reihenfolge gleich gelassen habe. Deshalb wollte ich jetzt noch einmal schauen, wie es in Ausstreichungsform aussieht.

Grundlage ist ein Screenshot des Gedichts auf lyrikline.org, ich habe also digital ausgestrichen, nicht auf Papier. Heraus kommt dann das:

Friedericke Mayröcker auf lyrikline.org – von mir ausgestrichen

überaus schönes
im funkelnden Wind
welcher die Herzschläge zählt

Mir gefällt die Haikuform in diesem Fall besser. Aber einen Versuch war es wert.

Übrigens: Richtig coole Erasure-Poesie auf Deutsch und auf Englisch findet ihr bei @blackoutpoetry auf Instagram.

Ausgestrichene Poesie

Durch ein Flurgespräch bei der Arbeit habe ich mich vor Kurzem an die Ausstreichungen/Erasures von Christian Hawkey und Uljana Wolf erinnert und sie nochmal gelesen. Das Buch „SONNE FROM ORT“ ist 2012 bei kookbooks in Berlin erschienen. Uljana Wolf und Christian Hawkey nahmen sich die zweisprachige Ausgabe der „Sonnets from the Portuguese“ mit Tipp-Ex vor. Aus 44 Liebessonetten von Elizabeth Barrett Browning und deren Übersetzung von Rainer Maria Rilke wurden 88 Erasure-Gedichte über die Liebe, das Schreiben und anderes. Die Lücken, grafisch gestaltet von Andreas Töpfer, sind dabei genauso wichtig wie die stehengelassenen Worte. Sie öffnen Räume.

Seite 88/89 aus dem Buch „Sonne from Ort“ (Gedicht XLII auf Englisch und auf Deutsch)

Manchmal ertappe ich mich beim Grübeln darüber, was wohl im Ursprungsgedicht stand. Meist erfreue ich mich aber einfach an den gelungenen „Übersetzungen“ von Uljana Wolf und Christian Hawkey, die jeweils beide für sich stehen und zusammen nochmal ein drittes ergeben. Es sind Sätze wie „auf meine / lider / schichte / größere Gewichte“ (S. 9) oder „ich / war noch nicht im Schnee / geschult“ (S. 45) oder auch einfach das oben abfotografierte „an / aus“, die mich gefangen nehmen. „I wrote“ eine Leseempfehlung.